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Plakative Wien-Wahl

Am 11. Oktober wird in Wien gewählt. Und weil Wien groß ist und viele Wahlberechtigte hat, hängen hier besonders viele Wahlplakate.

Mit Wahlplakaten ist das ja immer so eine Sache. Einerseits muss man seine Botschaften plakativ präsentieren, andererseits sollen sie sich ja doch  vom Mitbewerb abheben. Und trotzdem wirken sie alle irgendwie gleich. Oder nicht?


Als Werber schaut man sich Dinge manchmal von einer anderen Perspektive an, auch Wahlplakate. Man schaut drauf wie die Bildbearbeitung die Kandidaten geschönt hat, ob die Typographie stimmig ist und wie mit den Farben umgegangen wird. Das klassische halt, was uns Kreative den ganzen Tag so beschäftigt. Und deshalb hab' auch ich mir mal die Plakate auf ihre gestalterischen Highlights hin angesehen. Und eines gleich vorweg: Einen Preis wird mit den Plakaten keine der ausführenden Agenturen gewinnen. Aber das wissen die eh. Gewonnen werden soll ja auch die Wahl und kein Kreativ-Award. Aber wie sehen sie nun aus, die stummen Stimmenwerber der Parteien? Ich war so frei, mir die Plakate der SPÖ, ÖVP, FPÖ, Grüne, Neos und ANDAS genauer anzusehen und hier mein persönliches, sehr subjektives Resumee …


1) ANDAS

Andas ist der Zusammenschluss von KPÖ, Piraten, Echt Grün und Unabhängige. Und so sehen die Plakate auch aus. Irgendwie lustig, aber halt ohne echtes Konzept und Linie. Gut ist der schräge Schnitt, der schafft dynamische Spannung. Die Typografie ist dagegen eher Typ Schülerzeitung. Rein vom Wording her finde ich das Wahlversprechen "Ein Pinguin für jeden Haushalt" sehr gelungen, warum aber ausgerechnet dann auf diesem Plakat auf den an sich recht markanten ANDAS-Schriftzug verzichtet wird, erschließt sich mir nicht ganz. Im großen und ganzen sieht man, dass hier eine eher junge Zielgruppe angesprochen werden soll, rein gestalterisch reißen mich die Plakate jetzt aber nicht vom Hocker.



2) NEOS

Die Neos geben sich ja gern als liberale Querdenker. Und das soll sich auch in den Plakaten widerspiegeln. Eine leichte Pop-Art-Tendenz ist nicht nur was die Farben angeht, sondern auch von der Gestaltung des Bildes her zu erkennen. Hier soll wohl ein Siebdruck angedeutet werden. Für mich immer befremdlich wirkt aber, wenn auf Wahlplakaten das Konterfei und der Name des politischen Gegners abgebildet werden. Strache ist da zwar auf den ersten Blick gar nicht leicht zu erkennen, aber das wording nimmt dann direkt darauf Bezug. Ob Veränderung ohne Strache mich aber tatsächlich dazu bewegt, die Neos zu wählen, wage ich zu bezweifeln – schließlich würde mich ja doch interessieren, was die Partei zu bieten hat und nicht was sie mir nicht bietet. Aber gut. Das bin halt ich ;-)


3) Grüne

Ganz ehrlich: Mir gefallen die Plakate der Grünen schon seit Jahren. Optisch gut gemacht, fesches Design, frische Farben. Aber heuer irgendwie nicht so richtig 100 % stimmig. Warum? Da steht zB der Slogan "Unbequem, aber wirkt", der Situation haftet aber so gar nix unbequemes an. Das aus meiner Sicht beste Plakat ist das mit den Kids und dem Slogan "Geld für Bildung statt für Bonzen". Und warum man beim Miethai-Plakat so übertrieben plakativ vorgehen musste, erschließt sich mir nicht, hier wäre ebenfalls ein Mensch am Plakat eigentlich folgerichtig. Und einen Miethai kann man auch ohne JAWS-Anspielung darstellen. Besser sogar als mit dem blöden Aquariumbild. Schade, sonst wäre diese Plakatserie nämlich ziemlich gut.



4) ÖVP

Da muss manfür alle Leser, die nicht in Wien wohnen, gleich eines vorweg schicken: In Wien findet ÖVP defacto nicht statt. Im Gegensatz zu Niederösterreich oder Tirol in etwa. Deshalb ist das mit den Plakaten auch immer schwierig. Weil da zeigt sich dann ein Mann, den man weder vom sehen und schon gar nicht vom Namen her kennt, und nur der Schriftzug ÖVP (der wie gesagt in Wien den wenigsten geläufig ist) deutet darauf hin, dass es sich um ein Wahlplakat handeln könnte. Und weils also eh wurscht ist, scheißen sich die Grafiker genau gar nix und sudeln einfach irgendwas in das gewünschte Format. Autofahrerschikane stoppen, Gymnasium nur mit uns und 25.000 Jobs schaffen. Immerhin wären das dann wahrscheinlich mehr als Wähler mit den Plakaten angesprochen werden. Ich sag's mal so: Schön ist anders …



5) FPÖ
Da ist's genau andersrum als bei der ÖVP. Den Strache kennt in Wien jeder und er ist quasi allgegenwärtig. Was dann wieder gleich ist, ist die Tatsache, dass es den Grafikern also ob Straches Omnipräsenz eh wurscht ist wie das Plakat aussieht und so scheißen sich die Agenturfuzzis von der FPÖ noch weniger als die der ÖVP. Gäbe es einen Ethikrat für schlechten Geschmack würde ich die Plakate dort melden. Kann man auch was positives sagen? Ja! Als einzige haben sie einen QR-Code platziert und sie nehmen prominet auf facebook Bezug. Letzteres tut zwar auch die ÖVP, aber wesentlich kleiner, und alle anderen Parteien haben auf ihren Plakaten keinen Hinweis auf social media!


6) SPÖ

Der Titelverteidiger geht wie erwartet mit dem Konterfei des Bürgermeisters ins Rennen. Allerdings nicht von Anfang an, sondern erst im zweiten Anlauf. Als einzige Partei erzählen sie sozusagen eine kleine Bildergeschichte, indem sie zuerst ein Problem aufzeigen und plakatieren, und dann in der zweiten Affiche-Welle die Auflösung mit Michael Häupl als Heilsbringer bringen. Optisch sind die Plakate eher unaufgeregt und schnörkellos. Großes Bild, Logo rechts oben und verhältnismäßig viel Text. Die Auflösung erfolgt dann in der fast exakt gleichen Aufteilung mit einem zusätzlichen Butten, der dem Bürgermeister ein G'spür für Wien attestiert. Auch dieser Button ist rein von seiner Aufmachung her nicht zwangsläufig von einerm Stargrafiker entworfen worden. Und auch wenns dem Herrn Häupl möglicherweise nicht gefällt, die Plakate sind unterm Strich nicht wirklich besser als die der FPÖ und ÖVP. Dafür reihen sie sich in das fade Erscheinungsbild der SPÖ bei den Wahlen der letzten Jahre ein. Da bleibens stur, die Roten ;-)



Mein Fazit: Wie Eingangs angekündigt fehlt das Highlight, über das man sagen könnte: Ja, das Plakat würde ich mir zuhause auch auf die Klotür hängen.

Stattdessen bleiben da wohl eher Filmplakate kleben. Die drei großen Parteien – SPÖ, FPÖ und ÖVP – haben aber die mit Abstand schwächsten Sujets. Zumindest wenns ums optische Erscheinungsbild geht. Die Neos sind fancy, leider ohne konkrete Aussage, das könnte auch ein Plakat für einen Theaterabend im Rabenhof sein. ANDAS ist zwar bemüht, aber leider schlampig in der Ausführung. Und die Grünen haben zwar otpisch schön gestaltete Plakate, leider einmal eine Text-Bild-Schere undzu wenig Konsequenz was das durchgehende Fotobranding angeht. Kurzum – wenn ich ein Ranking machen müsste, würde ich den Ersten und Zweiten Preis ganz einfach nicht vergeben. Den dritten Rang teilen sich Grüne und Neos, ANDAS bekommt einen Anerkennungspreis und die drei anderen schaffens in keine Wertung.


p.s.: Warum wurde die FPÖ eigentlich noch nicht wegen Kinderarbeit verklagt? Die Reime auf den Plakaten können doch keinesfalls von jemanden stammen, der älter als fünf Jahre ist!

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